Kurt-Kurt
Projekte für den öffentlichen Raum
2006 - 2009
Das künstlerische Durchdringen des öffentlichen Raumes treibt uns seit vielen Jahren an und um. Der gelebte Raum mit seinen verschiedenen Facetten von Öffentlichkeit ist Labor und Bühne für unsere künstlerischen Studien sowie für die situativen und performativen Eingriffe geworden. Die Frage der künstlerischen Strategie, mit der öffentliche Räume und Öffentlichkeit als Gegenbewegung zur Privatisierung und Ökonomisierung temporär wieder erschlossen und besetzt werden können, ist eine zentrale Frage unserer künstlerischen Auseinandersetzung geworden. Wie manifestiert sich öffentlicher Raum im urbanen Kontext? Wie findet man den richtigen „Schauplatz“ für Kunst im Kontext mit Öffentlichkeit und öffentlichem Raum? Wie, wann, wo, warum aktiviert ein Kunstprojekt das Publikum, die Anwohner, die Benutzer des öffentlichen Raumes und lässt sie daran teilhaben? Wie fügt der Künstler, die Künstlerin seine persönlichen Strategien in den öffentlichen Raum ein, damit sie Reibung erzeugen, Brücken und Passagen schaffen und Gewohnheiten brechen? Wie entstehen Bezugsysteme, die den Ort und seine Vielschichtigkeit gezielt unterwandern, infizieren, widerspiegeln, potenzieren? Wie werden die ortsansässigen Energien in ein Kunstprojekt eingebunden? Wie können Kunstprojekte die kontinuierliche Rückeroberung des öffentlichen Raumes sinnvoll vorantreiben als adäquate Alternative zu den Grossanlässen Skulptur.Projekte in Münster, documenta Kassel oder Biennalen von Berlin bis Havanna? Welche Orte und urbanen Räume eignen sich überhaupt für künstlerische Interventionen?
Nun also: Moabit. Diese merk-würdige Insel im Zentrum Berlins ist mit ihrer, im besten Wortsinne, besonderen Normalität bei gleichzeitiger enormer Vielfältigkeit, mit ihrer eigentümlichen Existenz als weißer Fleck auf der Berliner Stadtkarte und als klar definierter urbaner Raum mit seiner präzisen Abgrenzung durch die umgebenden Wasserwege ein ideales Stadtlabor für unser künstlerisches Experiment.
Bei unseren umfangreichen Recherchen für das Projekt stießen wir irgendwann auf das Geburtshaus von Kurt Tucholsky in der Lübecker Straße. Ein leerstehender Laden im Erdgeschoß bildete von nun an den Ausgangspunkt als Projektzentrale für das Hinausgehen in den öffentlichen Raum. Und Tucholsky, dieser große kritisch-konstruktive Geist des letzten Jahrhunderts mit seinem Engagement und seinem ironischen Humor schwebte als Mentor, aber vor allem als Ansporn und Herausforderung über dem Vorhaben. Es lag etwas in der Luft.
Und so startete im Spätsommer 2006 Kurt-Kurt Projekte für den öffentlichen Raum in Moabit. Seither haben sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren elf Künstlerteams, jeweils eine Frau und ein Mann, auf urbane, kulturelle und vor allem künstlerische Studien eingelassen, bei der die sinnliche und authentische Erfahrung des städtischen Raumes, das sorgfältige Beobachten des Alltags, das intensive Sich-Einlassen auf den Ort und auf die großartige Banalität dieser transitorischen Insel mitten in Berlin ebenso wichtig waren, wie historische, geografische und statistische Recherchen und Fakten. Elfmal ist es gelungen den öffentlichen Raum dieses Stadtteils, den hier gelebten und erlebten Urbanismus, die Bewegungen und Dynamiken an diesem spezifischen Ort in Wahrnehmung und Produktion von künstlerischen Statements zu transformieren. In der Projektzentrale an der Lübecker Straße 13 und im öffentlichen Raum Moabits manifestierten sich künstlerische Reflexionen des Alltags, die den öffentlichen „Faden“ aufnahmen und daraus neue „Raumbilder“ strickten.
Die gewohnten Formen der Rezeption im Kunstraum wurden durchbrochen und durch den im urbanen Raum schweifenden Blick erweitert, so dass die Besucher in den ortsbezogenen, öffentlichen Dialog miteinbezogen wurden und daran teilhaben konnten. Das Projekt Kurt-Kurt erzeugte Rückkoppelungen zwischen Öffentlichkeit, öffentlichem Raum und Kunstraum, zwischen Exterieur und Interieur, zwischen Künstlern und lokalem wie internationalem Publikum, zwischen temporärer Intervention und ortsansässigen Passanten.
Kurt-Kurt ist oder war eine herausfordernde Alternative zum arrivierten Kunstgeschehen der Metropole Berlin. Dieser Katalog bildet nun den vorläufigen Abschluß eines Prozesses. Hier treffen sich die entstandenen lokalen und globalen Erfahrungen, Diskussionen und Netzwerke. Er bietet sowohl Raum für die Dokumentation der temporären Projekte und Eingriffe als auch Grundlage und Motivation, den angefangenen Diskurs zum Thema Kunst im und für den öffentlichen Raum weiterzuführen. Und mit dem Spaziergang von Bertram Weisshaar wird das Buch selbst zum Projekt, mit dem jeder Lesende individuell den städtischen Raum der Insel Moabit für sich entdecken kann.
In diesem Sinne ist Kurt-Kurt zum Moabiter Alltag geworden und sedimeniert nun in Form von erinnerten Bildern, irritierten Sichtweisen, angefangenen Geschichten, temporär fokussierten und wieder entleeren Orten in weiterhin wirksame Schichten des öffentlichen Bewußtseins. Simone Zaugg und Pfelder
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Kurt-Kurt Teil 3: Oasenschatten Installationen von Heather Allen und Jan Philip Scheibe |
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Ausstellung: 28. Juni – 14. Juli 2007 Oasenschatten Berliner Zimmer mit Innenbalkon und Birkenwaldparkplatz vor der Tür Kein Baum. Kein Schatten. Die Lübecker Straße in Moabit ist in verschiedener Hinsicht besonders. Am einen Ende wohnten die Gebrüder Saß, irgendwo in der Mitte wurde Kurt Tucholsky geboren und an heißen Sommertagen vermisst man auf ganzer Länge das erfrischende und schattenspendende Grün von ein paar Bäumen. Nur auf den Balkonen der anliegenden Häuser finden die Bewohner unter Schirmen und ein wenig Grün Schutz vor der Sonne, während sie auf die lückenlos am Straßenrand geparkten Autos hinunterschauen. Die Künstler Heather Allen und Jan Philip Scheibe beschäftigen sich mit den Besonderheiten dieser merkwürdigen Straße. Heather Allen transportiert den gewohnten Anblick der an die Außenfassaden applizierten Balkonoasen nach innen und installiert einen Balkon in ein Berliner Zimmer im Geburtshaus von Kurt Tucholsky. Der Balkon als Transitort zwischen privatem und öffentlichen Raum emigriert nach innen und gibt dem Besucher seltsame Gesprächsfetzen seiner Bewohner preis. Er grünt als private Oase und hängt seltsam verloren im Raum. Jan Philip Scheibe lässt für drei Wochen in der Lübecker Straße die Bäume rauschen. Auf einem Anhänger hat sich ein Birkenwäldchen aufgemacht in die große Stadt und parkt nun vor der Projektzentrale von Kurt-Kurt. Ein Waldparkplatz in der Stadt. Eine Oase auf Zeit. Ein grüner Schatten für Moabit. Direkt daneben hat sich ein neues Verkehrszeichen in die Lübecker Straße geschlichen: Wandererparkplatz. Die beiden Künstler treffen sich im vorderen Showroom der Kurt-Kurt Projektzentrale mit zwei Fotoarbeiten, die gegenläufige Phänomene der Stadtkultur untersuchen: Heather Allen konzentriert sich auf die Natur zu Gast in der Stadt, auf Kleinoasen wie Balkone, Kleinstgärten und grüne Inseln in Moabit. Jan Philip Scheibe begibt sich auf die Spuren der Wochenendausflügler aus Moabit. Hinaus aus der Stadt, raus ins Grüne, in den Grunewald. Hier folgt er mit seiner Fotoserie dem Städter in der Natur auf Waldparkplätze, in Ausflugscafés oder auf Waldspielplätze. Informationen zu den Künstlern: www.heatherallen.netund www.jan-philip-scheibe.de |
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Kurt-Kurt Teil 5: Untitled (Sonar) Michael Sailstorfer |
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Ausstellung: 09. Februar - 01. März 2008 Soundskulptur für Moabit Das Kunstprojekt Kurt-Kurt startet mit der Installation �?Untitled (Sonar)�? von Michael Sailstorfer ins neue Jahr. Ein dumpfer, unbestimmbarer Ton dehnt sich aus, wird lauter und scheint den Raum zu sprengen. Das Fensterglas zerbirst. Der Ton bricht ab. Der Künstler Michael Sailstorfer hat eine physikalische Versuchsanordnung im Geburtshaus von Kurt Tucholsky in Moabit installiert. Er präsentiert hier seine neue Arbeit �?Untitled (Sonar)�?, die er extra für das Projekt Kurt-Kurt in Berlin Moabit entwickelt hat. Er baut in den Showroom von Kurt-Kurt einen Laborraum mit Tür und Fenster. Innen ist der begehbare Raum ausgestattet mit einem Tisch, einer Sinus-Ton generierenden Soundanlage, einer gewaltigen Lautsprecher-Box und einem Bildschirm. Michael Sailstorfer beschallt das 1 qm grosse Fenster seines Versuchsraums mit einem Sinuston. Trifft der Ton die Eigenfrequenz der Scheibe, beginnt das Glas zunächst zu schwingen, um schliesslich zu zerbersten. Michael Sailstorfer untersucht in seiner Arbeit den Skulpturbegriff und dehnt ihn im wahrsten Sinne des Wortes bis an seine Grenzen und darüber hinaus aus. Der hörbare, physisch spürbare, aber nicht sichtbare Ton erfüllt den Raum und wird schliesslich in seiner Wirkung beim Zerspringen der Scheibe sichtbar. Er wird zur Sound-Skulptur, die nicht statisch ist, sondern sich ausdehnt, den Raum definiert und mit allen Sinnen erlebbar ist. Mit freundlicher Unterstützung: Bezirkskulturfond Bezirksamt Mitte von Berlin und der Kulturverwaltung des Berliner Senats, Referat Stipendien und Projektförderung. Informationen zu Michael Sailstorfer: www.sailstorfer.com |
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Kurt-Kurt Teil 6: Display Exchange Moabits² Siri Austeen und Stefan Schröder |
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Ausstellung: 15. Mai - 31. Mai 2008 Display Exchange Moabits² Von Moabit ins Gefängnis oder in die weite Welt! Vielschichtige Kunstinstallation von Siri Austeen (N) und Stefan Schröder (D) für das Projekt Kurt-Kurt in Moabit Wolfgang Borchert im Gefängnis in Moabit, türkische Gemüsehändler, eine Binnenschifferkirche, der Schiffahrts-Chor Berlin und die Insel Moabit. Scheinbar Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Das norwegisch-deutsche Künstlerteam Siri Austeen und Stefan Schröder aus Oslo bringen all das mit ihrem Projekt Display Exchange Moabits2 in einen Zusammenhang, in ein Zusammenspiel. Wolfgang Borchert saß unter dem Naziregime 1943-45 im Zellengefängnis in Moabit. Gefangen in einer kleinen Zelle, nur ein winziges Fenster unerreichbar hoch oben bildete eine Öffnung zur Welt. Durch dieses Fenster hörte Borchert 800 mal am Tag die Ansage der Stationssprecherin vom gegenüberliegenden Bahnhof: Lehrter Bahnhof. Für ihn der Grund, seine Gedanken hinausschweifen zu lassen und sich diese Dame zu imaginieren; beschrieben von ihm in „Unser kleiner Mozart“ 1947. Bei Siri Austeen und Stefan Schröder erschallen nun in Bezug auf Borchert alle Moabiter Straßennamen, ausgerufen von türkischen Gemüsehändlern aus Moabit. Laut und vernehmlich klingen sie aus vor der Kurt-Kurt Projektzentrale aufgebauten Gemüse- und Obstkisten. Währenddessen ist im hinteren Ausstellungsraum eine beklemmende Zellenarchitektur eingerichtet, die das Eingeschlossensein Borcherts erlebbar macht. Die Beschäftigung mit physischem Eingesperrtsein auf engem Raum auf der einen und der grenzenlosen Weite auf der anderen Seite setzt sich fort in der Installation im vorderen Showroom von Kurt-Kurt: Die Wasserstraßen rund um Moabit werden von Austeen/Schröder modellhaft nachgebaut. Die Spree fließt durch den Ausstellungsraum, der Westhafen, Berlins Wasser-Tor zur Welt (von hier könnte man bis Norwegen segeln) ist zu erkennen und ein kleines Boot dreht seine Runden. Von Bord erschallt der Schiffahrts-Chor Berlin mit dem skandinavischen Lied: Wer kann segeln ohne Wind. An den Wänden sehen wir die Originaldisplays der Schifferkirche im Westhafen, die im Austausch dafür neue, extra von den Künstlern angefertigte Schaukästen für die Außenfassade bekommen hat. Und wer an der Kirche im Westhafen vorbeispaziert, vernimmt plötzlich einen seltsamen Gesang aus anderen Sphären, das Kirchenfenster selbst scheint zu klingen und Gesang von Moabit in die Welt hinaus zu senden. Siri Austeen ist in Norwegen durch ihre sensibel komponierten und technisch beeindruckenden Sound-Installationen bekannt geworden. Stefan Schröder arbeitet seit Jahren vor allem an und mit präzisen Eingriffen im öffentlichen Raum. Für das Projekt Kurt-Kurt arbeiten die beiden Künstler zum ersten Mal zusammen und realisieren die vielschichtig verwobene Installation Display Exchange Moabits2. Weitere Informationen zu den Künstler finden Sie unter: www.austeen.no und www.schroederstefan.com |
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Kurt-Kurt Teil 7: DAGMAR brennt (nicht) eine Installation von Pfelder |
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Ausstellung: 26. Juni - 29. Juni 2008 zu den Moabiter Kulturtagen Licht-Text Installation im Schaufenster der Kurt-Kurt Projektzentrale Das Kunstprojekt Kurt-Kurt präsentiert zu den Moabiter Kulturtagen die Installation �?DAGMAR brennt (nicht)�? von Pfelder. Brennt sie nun oder brennt sie nicht? Eine spielerische Licht- und Textinstallation erleuchtet den Showroom von Kurt-Kurt. Am besten zu erleben am Abend in der Dämmerung. 96 Stunden nonstop. Mit freundlicher Unterstützung: Bezirkskulturfond Bezirksamt Mitte von Berlin. Informationen zu Pfelder: www.pfelder.de |
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Kurt-Kurt Teil 8: 28,33 m3 ein Projekt von Christian Hasucha und VIDEO PORTRAITS ein Projekt von Maria Linares |
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Ausstellung: 11. - 27. September 2008 Mehr Raum für Moabit: 28,33 m3 von Christian Hasucha Wo hört der private Raum auf? Wo fängt der öffentliche an? Diesen Fragen stellte sich Christian Hasucha in seiner jüngsten „öffentlichen Intervention“, bei der er private Bebauung in Moabit in öffentlichen Raum umwandelt. Für die Projektgalerie Kurt-Kurt hat er deren Räumlichkeiten an der Lübeckerstraße 13 in Berlin Moabit zu 28,33 m3 öffentlich nutzbarem Volumen umgebaut.it von einem Rechtsanwalt prüfen. Der Künstler ließ die Glasfront der Kurt-Kurt Projektzentrale entfernen, betonierte einen neuen Treppenzugang, kleidete die nun offen stehenden Galeriewände mit Trockenputz aus und setzte die Straßenpflasterung auf dem Galerieboden fort. Der sonst hell beleuchtete Galerieraum wurde dadurch zum dunklen Außenraumfortsatz umgewandelt, der nun Tag und Nacht über die vier schlichten Betonstufen direkt von der Strasse betreten werden konnte. Die Nutzung dieses öffentlichen Zusatzraumes war freigestellt. Mit den verschiedenen Elementen der städtischen Bebauung hat sich der Berliner Bildhauer Christian Hasucha in seinen „öffentlichen Interventionen“ immer wieder beschäftigt. Diesmal bekommt der Begriff öffentliche Skulptur durch seinen Raum-Schnitt und die Einstülpung der Öffentlichkeit in ein privates Gebäude eine völlig neue Bedeutung, die allerdings nicht von jedem bemerkt wurde. Als eine stark alkoholisierte junge Frau Zuflucht für die Nacht im dunklen, aber witterungsgeschützten Tunnel suchte, wurde sie von der von Anwohnern alarmierten Feuerwehr umgehend in eine Klinik gebracht – den Feuerwehrleuten indes fiel der architektonische Eingriff selbst nicht auf. Zum Ende der Ausstellung konnte Hasucha die Früchte seines Raum- und Aussenwandangebots ernten: Graffiti der Moabiter Hustlers, die direkt auf die abnehmbaren Trockenputzplatten gesprüht waren. Informationen zu seiner Arbeit finden Sie unter: www.hasucha.de |
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Mehr Raum für Moabiter: VIDEO PORTRAITS von María Linares Die Moabiterinnen und Moabiter sind ein durchmischtes Volk. Mehr als 30% der Bevölkerung in diesem Stadtteil sind nicht deutscher Herkunft. Diese Durchmischung an Ethnien und Nationalitäten fiel der kolumbianischen Künstlerin María Linares auf. Die Künstlerin beschäftigt sich selbst mit der Möglichkeit ihrer Einbürgerung nach Deutschland und geht deshalb auch in ihrer künstlerischen Arbeit den Themen Nationalität und Identität nach. María Linares Projekt VIDEO PORTRAITS stellt das Resultat eines prozesshaften Dialogs mit Moabiterinnen und Moabitern verschiedener Nationalitäten dar. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung steht das negative Vorurteil. In einer Befragung auf den Straßen Moabits wurden die jeweils negativsten Vorurteile und Klischees gegenüber anderen Nationalitäten herausgefiltert. Auf dieser Basis wurden Scripts und Rollen für Darsteller entwickelt. Bei einem öffentlichen Casting wurden 18 Moabiterinnen und Moabiter unterschiedlicher Nationalität gefunden, die bereit waren, diese Rollen zu übernehmen und in ihrer Muttersprache vor der Kamera zu spielen. Die entstandenen VIDEO PORTRAITS werden in der Kurt-Kurt Projektzentrale als 3-Kanal-Videoinstallation präsentiert. Die irritierend krassen Aussagen der Darsteller über ihre eigene Nationalität provozieren zunächst Ablehnung beim Betrachter, führen dann aber zum Überdenken der jeweils eigenen Vor-Urteile über die „Anderen“. Die Gratwanderung zwischen Identifikation und Distanzierung funktioniert sowohl für die Schauspieler wie auch für das Publikum. María Linares hat zahlreiche partizipatorische Projekte im öffentlichen Raum durchgeführt, individuell sowie auch im Rahmen des Künstlerkollektives »daily services«. Weitere Informationen zu ihrer Arbeit finden Sie unter: www.marialinares.com |
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Kurt-Kurt Teil 9: Der Paechbrotbaum ein Projekt von Haus am Gern (Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner) |
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Ausstellung: 19.Oktober - 09. November 2008 Der Paechbrotbaum von Haus am Gern (Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner) Der Herbst ist da. Die Bäume verlieren ihre Blätter und ziehen ihre Schuhe an. Jedenfalls in Moabit. Hier, an der Ecke Birken-/Stephanstrasse, gleich am Rande der Paech-Brot-Brache, steht ein toter Baum. In seinem blätterlosen Schatten steht der Paech-Brunnen und keine 10 Meter weiter verkündet ein grosses Schild den Baubeginn eines Einkauf-Centers für 2008. An diesem toten Baum liesse sich - mit ein bisschen Verstand - hervorragend die verwinkelte Geschichte des Stephankiez' und der Paech-Brotfabrik, der Investoren und Besetzer, der Anwohner und Politiker etc. aufhängen, doch genau dies tun die Künstler von Haus am Gern nicht. Stattdessen hängen sie hunderte Paar Schuhe in den Baum - und laden alle Anwohner und Einwohner Moabits ein, in der Kurt-Kurt-Projektzentrale an der Lübecker Strasse 13 gebrauchte Schuhe zu behändigen und sie in den Baum zu werfen. Das verändert zwar die Situation in Bezug auf die Brache, den Kiez oder das geplante E-Center nicht, schafft aber ein einen bildhaften, künstlerischen Kommentar in der grauen Stadtlandschaft. So wird vielleicht ein toter Baum unter dem Namen «D er Paechbrotbaum» in die Berliner Stadtgeschichte eingehen. Die mit Hunderten von Schuhen behangenen «Shoe Trees» sind vor allem in Nordamerika, Australien und Neuseeland bekannt, vereinzelte Exemplare werden aber auch aus England, Frankreich und Nordeuropa gemeldet. In Deutschland gibt es nur einen einzigen dokumentierten Baum an der Mosel. Über die Entstehung der «Shoe Trees» gibt es nur Spekulationen, doch dürfte es einen engen Zusammenhang mit dem so genannten «shoe tossing» oder «shoe flinging» geben, bei dem Schuhe mit zusammengebundenen Schnürsenkeln über Telefon- oder Stromdrähte geworfen werden. Aber auch über den Grund dieses «shoe tossing» wird gerätselt. So kann ein am Draht hängendes Schuhpaar folgendes bedeuten: 1. hier ist ein Ort, wo Dealer ihre Ware anbieten 2. hier wurde ein Mitglied einer Gang umgebracht 3. hier ist die Grenze des Gang-Territoriums 4. Ritual von Schülern nach bestandener Abitur 5. ein junger Mann verkündet seine «Entjungferung» 6. ein Abschiedsritual von Soldaten, die versetzt werden oder den Dienst quittieren 7. ein Nachtbuben-Streich an schlafenden Alkoholikern 8. einfache Entsorgung alter Schuhe 9. Die wohl schlüssigste Erklärung ist, dass - wenn einmal ein Schuhpaar oder zwei in den Ästen hängen - sich über kurz oder lang Nachahmer finden, die ihre alten Schuhe hochwerfen. 10. Kunst, ganz einfach! Das Künstlerpaar Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta aus Biel, Schweiz, arbeitet unter dem Label «Haus am Gern». Informationen hierzu finden Sie unter www.hausamgern.ch |
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Kurt-Kurt Teil 10:
"ausglühen" eine lichte Installation von Pfelder |
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Ausstellung: 31. Dezember 2008 - 10. Januar 2009 Kurt-Kurt bringt Licht in die dunkle Jahreszeit Ausglühen, eine Hommage von Pfelder an die langsam verglühende Zeit der Glühbirne Ab 31.12.09 leuchtet in der Kurt-Kurt Projektzentrale rund um die Uhr bis zum 10. Januar 2009 eine 25 Watt Glühbirne. Zum Ausglühen des Jahres 2008 und zum Einglühen von 2009 wird der Star eines untergehenden Zeitalters in unterschiedlichen Zeitintervallen angestrahlt von sechs 500 Watt-Baustrahlern. Verlöschen diese, beleuchtet wiederum die Glühbirne einsam die sie anhimmelnde Strahlerschar. Diese energietechnisch ineffiziente und absurde Installation ist Pfelders Gruß an das Erstrahlen und Verglühen. Und welche Zeit könnte hierfür besser geeignet sein, als der Jahreswechsel. Ein glühendes Neues Jahr! Informationen zu Pfelder finden Sie auch unter www.pfelder.de |
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Flüsterbogen
eine Soundinstallation von Salah Saouli (LIB/D) Unerhörte Stimmen berichten über Zeiten und Orte, die im Dunkeln liegen Begibt man sich in den schwarzen Tunnel von Salah Saouli, trifft man auf Stimmen von Menschen unterschiedlichster Generationen, die aus dem Leben und dem Alltag in Moabit erzählen. Salah Saouli gibt den verborgenen Erfahrungen, Erlebnissen und Erinnerungen eine Stimme und holt sie aus der Vergessenheit in den Fokus seiner Soundinstallation. Die kleinen und großen Geschichten zu und aus Moabit bleiben normalerweise unerhört. Ohne Licht und visuelle Wahrnehmung müssen die Besucher dem Tast- und Hörsinn vertrauen und können sich auf die geflüsterten Geschichten konzentrieren: Erzählungen über einen Ort, der voller Widersprüche ist. Bilder einer Oase der Toleranz, eines multikulturellen Patchworks und einer entspannten Lebensweise im Herzen Berlins gehören ebenso zu Moabit wie Kriegszerstörung, soziale Brennpunkte und bewusst oder unbewusst übersehene Drogenprobleme. Beim Zuhören der geflüsterten Erzählungen generiert jeder Besucher seine eigenen Bilder und sein eigenes Moabit, das er anschließend mit der Realität auf dem Weg nach Hause abgleichen kann. Informationen zu seiner Arbeit finden Sie unter: www.salahsaouli.net |
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Kurt-Kurt Teil 13:
Gefängnisinsel Moabit ein Projekt von Dellbrügge & de Moll |
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Ausstellung: 28. September - 3. Oktober 2009
Gefängnisinsel Moabit Das Künstlerduo Dellbrügge & de Moll entwirft ein Szenario für Moabit Sitzt einer in Moabit, ist klar: der ist im Knast. Kein anderes Bauwerk, keine Institution, dominiert den Stadtteil stärker und funktioniert selbstverständlicher als pars pro toto, als das größte Kriminalgericht Europas und die Justizvollzugsanstalt, Untersuchungshaftanstalt für männliche Erwachsene im Land Berlin. Insassen klagen über chronische Überbelegung, Schmutz, Vernachlässigung, Mischung von U-Häftlingen und Strafern und 23 Stunden Einschluss. Ungewöhnlich ist die zentrale Innenstadtlage des Gefängnisses. Fährt man nach einem Ausstellungsbesuch im Hamburger Bahnhof zum Feinkosthändler Lindenberg in die Morsestraße, tangiert man Mauern, Wachtürme und Stacheldraht ebenso, wie auf dem Weg vom Schloss Bellevue zum Berliner Hauptbahnhof. Der Sitz des Bundespräsidenten liegt vor der Tür, das Kanzleramt fast in Sichtweite und der schlangenförmige Wohnbau der Regierungsbeamten bereits diesseits der Bezirksgrenze. Das einst dicht besiedelte Arbeiterviertel hat heute eine Arbeitslosenquote von 13,83%, zählt 33,12% Empfänger von Transfereinkommen, 61% der Schüler sind von Lernmittelzuzahlung befreit. Weicht man von den üblichen Transitrouten durchs Quartier ab, verblüfft die Fülle an leerstehenden Läden und Lokalen. Gleichzeitig entdecken einzelne Künstler und Gentrifizierer vergleichsweise billigen Raum hinter Gründerzeitfassaden. Moabits Brachflächen am Humboldthafen hinter dem Hauptbahnhof gelten als heißes Entwicklungsgebiet. Der Baustart für das Quartier Heidestraße ist für 2010 geplant – wenn sich denn Bauherren finden. Die Verwirklichung der ambitionierten Pläne hängt ganz und gar davon ab, ob sich internationale Investoren von Moabits Potenzial anziehen lassen. Falls nicht, muss ein Plan B her. „Gefängnisinsel Moabit“ ist so ein Plan. Stimuliert durch die soziale und städtebauliche Situation sowie die allseits begrenzenden Wasserwege, die Moabit als innerstädtische Insel isolieren, stellen Dellbrügge & de Moll eine Referenz zu John Carpenters „Escape from New York“ (1981) her: „2020 steigt die Kriminalitätsrate in der EU um 400 Prozent. Der Berliner Stadtteil Moabit wird zum Hochsicherheitsgefängnis der gesamten Union. Eine 15 m hohe Sicherheitsmauer wird entlang des Spreeufers, am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafenkanal und am Charlottenburger Verbindungskanal errichtet. Sie umschließt ganz Moabit. Brücken und Wasserwege sind vermient. Truppen von Europol sind wie eine Armee um die Insel postiert. Auf der Gefängnisinsel gibt es keine Wärter, nur Gefangene und die Welten, die sie schufen. Die Regeln sind einfach: Bist du mal drin, kommst du nicht wieder raus.“ (Dellbrügge & de Moll, Heimkino 2, Video, 15 min, 2009) Das Modell der Gefängnisinsel, dessen geografische Gegebenheiten eine Flucht verhindern, ist effektiv und populär – Wikipedia listet 34 Gefängnisinseln weltweit – von St. Helena mit ihrem prominenten Gefangenen Napoleon, bis Robben Island, wo Nelson Mandela den Großteil seiner Haft absaß, von den Inseln der Kolonie Französisch-Guayana, Schauplatz von Henri Charrieres Roman „Papillon“, über das Gefängnis Château d’If auf der Festungsinsel vor Marseille, die Alexandre Dumas als literarische Folie diente, bis zum berüchtigten Alcatraz, dessen Brutalität zahlreiche Filme inspirierte. Das norwegische Bastøy, eine liberale Interpretation der Sache, organisiert die Gefängnisinsel als Labor in Sachen Selbstverantwortung. Wie und wo auch immer – die territoriale Abgeschlossenheit generiert Soziotope mit eigenen Regeln, Hierarchien, Währungen und Überlebensstrategien. Sah Foucault das Gefängnis als Heterotopie, als „anderen Ort“, der die bestehende Ordnung invertiert und in Frage stellt, so potenziert der Spezialfall der Gefängnisinsel diese Verhältnisse noch. Die Vision der wachsenden Stadt bleibt angesichts der Krise in den Finanzierungslücken stecken. Was wächst, ist die Paranoia, die Dystopien wieder auf den Plan ruft. Weitere Informationen zu den kontextbezogenen und medienübergreifenden Arbeiten und Interventionen von Dellbrügge & de Moll finden sie unter www.workworkwork.de |
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