Kurt-Kurt Archiv 2006 – 2009

Kurt-Kurt
Projekte für den öffentlichen Raum
2006 - 2009

Das künstlerische Durchdringen des öffentlichen Raumes treibt uns seit vielen Jahren an und um. Der gelebte Raum mit seinen verschiedenen Facetten von Öffentlichkeit ist Labor und Bühne für unsere künstlerischen Studien sowie für die situativen und performativen Eingriffe geworden. Die Frage der künstlerischen Strategie, mit der öffentliche Räume und Öffentlichkeit als Gegenbewegung zur Privatisierung und Ökonomisierung temporär wieder erschlossen und besetzt werden können, ist eine zentrale Frage unserer künstlerischen Auseinandersetzung geworden. Wie manifestiert sich öffentlicher Raum im urbanen Kontext? Wie findet man den richtigen „Schauplatz“ für Kunst im Kontext mit Öffentlichkeit und öffentlichem Raum? Wie, wann, wo, warum aktiviert ein Kunstprojekt das Publikum, die Anwohner, die Benutzer des öffentlichen Raumes und lässt sie daran teilhaben? Wie fügt der Künstler, die Künstlerin seine persönlichen Strategien in den öffentlichen Raum ein, damit sie Reibung erzeugen, Brücken und Passagen schaffen und Gewohnheiten brechen? Wie entstehen Bezugsysteme, die den Ort und seine Vielschichtigkeit gezielt unterwandern, infizieren, widerspiegeln, potenzieren? Wie werden die ortsansässigen Energien in ein Kunstprojekt eingebunden? Wie können Kunstprojekte die kontinuierliche Rückeroberung des öffentlichen Raumes sinnvoll vorantreiben als adäquate Alternative zu den Grossanlässen Skulptur.Projekte in Münster, documenta Kassel oder Biennalen von Berlin bis Havanna? Welche Orte und urbanen Räume eignen sich überhaupt für künstlerische Interventionen?

Nun also: Moabit. Diese merk-würdige Insel im Zentrum Berlins ist mit ihrer, im besten Wortsinne, besonderen Normalität bei gleichzeitiger enormer Vielfältigkeit, mit ihrer eigentümlichen Existenz als weißer Fleck auf der Berliner Stadtkarte und als klar definierter urbaner Raum mit seiner präzisen Abgrenzung durch die umgebenden Wasserwege ein ideales Stadtlabor für unser künstlerisches Experiment.

Bei unseren umfangreichen Recherchen für das Projekt stießen wir irgendwann auf das Geburtshaus von Kurt Tucholsky in der Lübecker Straße. Ein leerstehender Laden im Erdgeschoß bildete von nun an den Ausgangspunkt als Projektzentrale für das Hinausgehen in den öffentlichen Raum. Und Tucholsky, dieser große kritisch-konstruktive Geist des letzten Jahrhunderts mit seinem Engagement und seinem ironischen Humor schwebte als Mentor, aber vor allem als Ansporn und Herausforderung über dem Vorhaben. Es lag etwas in der Luft.

Und so startete im Spätsommer 2006 Kurt-Kurt Projekte für den öffentlichen Raum in Moabit. Seither haben sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren elf Künstlerteams, jeweils eine Frau und ein Mann, auf urbane, kulturelle und vor allem künstlerische Studien eingelassen, bei der die sinnliche und authentische Erfahrung des städtischen Raumes, das sorgfältige Beobachten des Alltags, das intensive Sich-Einlassen auf den Ort und auf die großartige Banalität dieser transitorischen Insel mitten in Berlin ebenso wichtig waren, wie historische, geografische und statistische Recherchen und Fakten. Elfmal ist es gelungen den öffentlichen Raum dieses Stadtteils, den hier gelebten und erlebten Urbanismus, die Bewegungen und Dynamiken an diesem spezifischen Ort in Wahrnehmung und Produktion von künstlerischen Statements zu transformieren. In der Projektzentrale an der Lübecker Straße 13 und im öffentlichen Raum Moabits manifestierten sich künstlerische Reflexionen des Alltags, die den öffentlichen „Faden“ aufnahmen und daraus neue „Raumbilder“ strickten.

Die gewohnten Formen der Rezeption im Kunstraum wurden durchbrochen und durch den im urbanen Raum schweifenden Blick erweitert, so dass die Besucher in den ortsbezogenen, öffentlichen Dialog miteinbezogen wurden und daran teilhaben konnten. Das Projekt Kurt-Kurt erzeugte Rückkoppelungen zwischen Öffentlichkeit, öffentlichem Raum und Kunstraum, zwischen Exterieur und Interieur, zwischen Künstlern und lokalem wie internationalem Publikum, zwischen temporärer Intervention und ortsansässigen Passanten.

Kurt-Kurt ist oder war eine herausfordernde Alternative zum arrivierten Kunstgeschehen der Metropole Berlin. Dieser Katalog bildet nun den vorläufigen Abschluß eines Prozesses. Hier treffen sich die entstandenen lokalen und globalen Erfahrungen, Diskussionen und Netzwerke. Er bietet sowohl Raum für die Dokumentation der temporären Projekte und Eingriffe als auch Grundlage und Motivation, den angefangenen Diskurs zum Thema Kunst im und für den öffentlichen Raum weiterzuführen. Und mit dem Spaziergang von Bertram Weisshaar wird das Buch selbst zum Projekt, mit dem jeder Lesende individuell den städtischen Raum der Insel Moabit für sich entdecken kann.

In diesem Sinne ist Kurt-Kurt zum Moabiter Alltag geworden und sedimeniert nun in Form von erinnerten Bildern, irritierten Sichtweisen, angefangenen Geschichten, temporär fokussierten und wieder entleeren Orten in weiterhin wirksame Schichten des öffentlichen Bewußtseins. Simone Zaugg und Pfelder


Kurt-Kurt Teil 0:
Es liegt was in der Luft!
Installationen von Simone Zaugg & Pfelder
Ausstellung 1: 24. August - 27. August 2006
Ausstellung 2: 28. September - 01. Oktober 2006

Zur Kurt-Kurt Premiere konnte man drei raumfüllende Installationen erleben, die in Zusammenarbeit der beiden Künstler und Initiatoren Pfelder und Simone Zaugg entstanden sind und in direktem Bezug zu Ort und Umfeld standen. Wer sich im Eingangsraum durch die Moabiter Luft gekämpft hat, konnte im zweiten Raum einen Blick auf den Geist Tucholskys erhaschen, um dann schließlich im dritten Raum 3 1/2 Stunden im upside down Kino über die Moabiter Insel zu schweben.





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Kurt-Kurt Teil 1:
WIR WOLLEN DAS SCHIFF ZURÜCK!
ein Projekt von Schumacher & Jonas
Ausstellung: 03. Mai - 19. Mai 2007

Ein Schiff der Moabiter, das ihnen einst viel Freude bereitet hat, soll wieder auf den Platz in ihrem Kiez zurückkehren, wo jetzt der Bau eines Einkaufszentrums geplant ist. Sie fordern: „Wir wollen unser Schiff zurück!“

Das Gelände
Auf dem ehemaligen Gelände der Paech-Brot-Großbäckerei zwischen Stephan- und Birkenstraße soll ein Einkaufszentrum entstehen. Der Bau weiterer Supermärkte und Malls an anderen Standorten in Moabit ist geplant, und man fragt sich: Gibt es nicht bereits ausreichende Einkaufsmöglichkeiten? Könnte das Paech-Brot-Gelände nicht anderen Belangen der Bewohner gerecht werden – etwa kulturellen, sozialen, oder einfach dem Wunsch, sich in einem schön gestalteten Park erholen zu können? Am liebsten möchten die Moabiter ihr Schiff, das einst hier stand, wieder auf dem Gelände haben.

Das Schiff
Vor einigen Jahren hatten Bewohner des Stephan-Kiezes eine hiesige Schifffahrtgesellschaft dazu bewegt, eines ihrer ausrangierten Ausflugschiffe statt dem Schifffriedhof ihnen zu übereignen. Das Schiff hatte zuvor tagein tagaus Ausflügler und Touristen um ihre Insel herum befördert (Moabit wird vollständig von Wasserwegen umschlossen: der Spree, dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, dem Westhafenkanal und dem Charlottenburger Verbindungskanal). Für die Fahrt auf dem Wasser untauglich geworden, war das Schiff jedoch in einem einwandfreien optischen Zustand. Dank der uneigennützigen Hilfe einer Transportfirma konnte es von seinem Hafen zum Paech-Brot-Gelände befördert werden – und zierte es eine ganze Weile. An Sommertagen pick-nickten die Bewohner auf seinem Deck, Kinder spielten große Seefahrt, und allen wuchs die „Moabit“, wie sie bald im Volksmund hieß, ans Herz. Statt immer nur den Touristen auf der Spree zuzuwinken, hatten die Moabiter nun ihr eigenes Schiff. Es wurde für sie zum Inbegriff eines selbstbestimmten, freiheitlichen Lebens, in dem alle ihren Platz hatten.

Mit dem Beginn der Planungen des Bezirks, das Paech-Brot-Gelände wieder wirtschaftlich zu nutzen, begann auch das Ende der „Moabit“. Im Jahre 2004 wurde sie schließlich mit der fadenscheinigen Begründung eines erhöhten Haftungsrisikos zum großen Bedauern der Bewohner vom Gelände entfernt.
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Kurt-Kurt Teil 2:
La isla bonita !
Ein Projekt von Irena Eden und Stijn Lernout
Ausstellung: 31. Mai - 16. Juni 2007

Auf Reisen in Moabit
Was Berliner Hinterhöfe über die Schätze der islamischen Welt zu erzählen wissen.

Eine interaktive Infosäule wie es sie bei Bushaltestellen gibt, erleuchtet das Schaufenster im Geburtshaus von Kurt Tucholsky in Berlin Moabit: Die Projektzentrale des Kunstprojekts Kurt-Kurt ist zur Haltestelle auf einer "Reise am Ort" geworden. Der Ort, an dem die Reise stattfindet, ist Berlin Moabit.

Irena Eden und Stijn Lernout sind die Künstler, die unter dem Titel „La isla bonita“ eine neue Installation aus ihrer Projektreihe „Berlin Next Door“ für Kurt-Kurt entwickelt haben. Sie greifen die große aber oft verborgene kulturelle Vielfalt
und Internationalität der Insel Moabit auf und bieten den Besuchern von Kurt-Kurt die Möglichkeit "wie auf Reisen" für die Dauer ihres Aufenthaltes in eine andere Welt einzutauchen. Diesmal führt die Route von der Kurt-Kurt Projektzentrale durch die Lübecker Straße über die Birkenstraße direkt zur Ayasofya Camii Moschee in der Stromstraße. Hier erwartet den (Kunst)Reisenden orientalischer Tee in einem eigens für das Projekt geschaffenen Teepavillon und auf Wunsch eine individuelle Führung durch die Moschee.

Zur Eröffnung am 31. Mai 2007 werden von 19 bis 21 Uhr georgische Taxi als Shuttle auf der Reiseroute eingesetzt.
Das Projekt findet in Kooperation mit der Ayasofya Camii in Berlin Moabit statt.

Irena Eden und Stijn Lernout sind unter anderem Mitbegründer der Projektgalerie Cluster in Wedding. Sie arbeiten seit einiger Zeit an ihrer Reihe von virtuellen und realen Reisen unter dem Titel “Berlin next door�?.
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Kurt-Kurt Teil 3:
Oasenschatten
Installationen von Heather Allen und Jan Philip Scheibe
Ausstellung: 28. Juni – 14. Juli 2007

Oasenschatten
Berliner Zimmer mit Innenbalkon und Birkenwaldparkplatz vor der Tür

Kein Baum. Kein Schatten. Die Lübecker Straße in Moabit ist in verschiedener Hinsicht besonders. Am einen Ende wohnten die Gebrüder Saß, irgendwo in der Mitte wurde Kurt Tucholsky geboren und an heißen Sommertagen vermisst man auf ganzer Länge das erfrischende und schattenspendende Grün von ein paar Bäumen. Nur auf den Balkonen der anliegenden Häuser finden die Bewohner unter Schirmen und ein wenig Grün Schutz vor der Sonne, während sie auf die lückenlos am Straßenrand geparkten Autos hinunterschauen.

Die Künstler Heather Allen und Jan Philip Scheibe beschäftigen sich mit den Besonderheiten dieser merkwürdigen Straße. Heather Allen transportiert den gewohnten Anblick der an die Außenfassaden applizierten Balkonoasen nach innen und installiert einen Balkon in ein Berliner Zimmer im Geburtshaus von Kurt Tucholsky. Der Balkon als Transitort zwischen privatem und öffentlichen Raum emigriert nach innen und gibt dem Besucher seltsame Gesprächsfetzen seiner Bewohner preis. Er grünt als private Oase und hängt seltsam verloren im Raum. Jan Philip Scheibe lässt für drei Wochen in der Lübecker Straße die Bäume rauschen. Auf einem Anhänger hat sich ein Birkenwäldchen aufgemacht in die große Stadt und parkt nun vor der Projektzentrale von Kurt-Kurt. Ein Waldparkplatz in der Stadt. Eine Oase auf Zeit. Ein grüner Schatten für Moabit. Direkt daneben hat sich ein neues Verkehrszeichen in die Lübecker Straße geschlichen: Wandererparkplatz.

Die beiden Künstler treffen sich im vorderen Showroom der Kurt-Kurt Projektzentrale mit zwei Fotoarbeiten, die gegenläufige Phänomene der Stadtkultur untersuchen: Heather Allen konzentriert sich auf die Natur zu Gast in der Stadt, auf Kleinoasen wie Balkone, Kleinstgärten und grüne Inseln in Moabit. Jan Philip Scheibe begibt sich auf die Spuren der Wochenendausflügler aus Moabit. Hinaus aus der Stadt, raus ins Grüne, in den Grunewald. Hier folgt er mit seiner Fotoserie dem Städter in der Natur auf Waldparkplätze, in Ausflugscafés oder auf Waldspielplätze.

Informationen zu den Künstlern:
www.heatherallen.netund www.jan-philip-scheibe.de
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Kurt-Kurt Teil 4:
Kusshaltestelle
ein Projekt von Diana Dodson und Reto Leibundgut
Ausstellung: 27. September - 13. Oktober 2007

Logo von Prohelvetica Mit freundlicher Unterstützung:
Bezirkskulturfond Bezirksamt Mitte von Berlin und Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia


Ausgehend von der Tatsache, dass Moabit eine Insel ist - umgeben von der Spree und den Verbindungskanälen - soll dieser Stadtteil in seiner Eigenschaft als „Schatzinsel“ beleuchtet werden. Mit der Intervention «Kusshaltestelle» wird als „Schatz“ die Liebe thematisiert - die Steigerung des Liebesglücks, das Zulassen von Nähe, die Durchdringung von Privatsphäre und öffentlichem Raum.

Der Akt des Küssens in der Öffentlichkeit erfordert einen semi-privaten Raum, in welchem das Liebespaar ungestört und von fremden Blicken geschützt ihrer Leidenschaft nachgehen kann.

7 verspielt gestaltete Kusshaltestellen können entweder beim Vorbeigehen zufällig entdeckt oder in der Kurt-Kurt Projektzentrale mittels Lageplan ausfindig gemacht werden.

Die skulpturalen Haltestellen erinnern an Architekturfragmente eines Lustgartens. Sie sind sorgfältig gearbeitet, jedoch aus einfachen Materialien gebaut. Die Wände und Flächen werden ornamental verziert mit Laubsägearbeit, Holzgitter- und Schnitzwerk. Diese reich geschmückten Flächen ermöglichen eine luftige Durchsicht und dienen gleichzeitig als Sichtschutz und Versteck. Die einzelnen Formen entwickeln sich in der Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der ausgewählten Orte.

Ergänzend werden aus dem literarischen Werk Kurt Tucholskys kontrastierende oder stimmige Textfragmente in das Holz geschnitzt. Sie dienen dazu, den Ort geistig aufzuladen – stellvertretend für die eingeritzten Namen und Liebesbekundungen an Baumstämmen, Parkbänken etc., die ein dauerhaftes Zeugnis der Liebe hinterlassen. Als grafisch verbindendes Element ist jede Kusshaltestelle mit dem Projektlogo gekennzeichnet.

Allen Orten gemeinsam ist die sinnliche Aufladung, die humorvolle, unerwartete Präsenz und die sorgfältige Inszenierung im Raum.

In der Kurt-Kurt Projektzentrale ist die erste Kusshaltestelle installiert. Von hier geht einerseits die Kussreise hinaus in den öffentlichen Raum von Moabit und andererseits in die Filmgeschichte. Ein Video über das Küssen lotet verschiedene Bedeutungsebenen des Kusses (den politischen Kuss, den Judas-Kuss, den Kuss im Mutter- Kind-Verhältnis oder den Freundschaftskuss) aus und stellt Sequenzen aus bestehenden Spiel-, Aufklärungs- oder Dokumentarfilmen in einen neuen nonlinearen Zusammenhang.
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Kurt-Kurt Teil 5:
Untitled (Sonar)
Michael Sailstorfer
Ausstellung: 09. Februar - 01. März 2008

Soundskulptur für Moabit
Das Kunstprojekt Kurt-Kurt startet mit der Installation �?Untitled (Sonar)�? von Michael Sailstorfer ins neue Jahr.

Ein dumpfer, unbestimmbarer Ton dehnt sich aus, wird lauter und scheint den Raum zu sprengen. Das Fensterglas zerbirst. Der Ton bricht ab.

Der Künstler Michael Sailstorfer hat eine physikalische Versuchsanordnung im Geburtshaus von Kurt Tucholsky in Moabit installiert. Er präsentiert hier seine neue Arbeit �?Untitled (Sonar)�?, die er extra für das Projekt Kurt-Kurt in Berlin Moabit entwickelt hat. Er baut in den Showroom von Kurt-Kurt einen Laborraum mit Tür und Fenster. Innen ist der begehbare Raum ausgestattet mit einem Tisch, einer Sinus-Ton generierenden Soundanlage, einer gewaltigen Lautsprecher-Box und einem Bildschirm. Michael Sailstorfer beschallt das 1 qm grosse Fenster seines Versuchsraums mit einem Sinuston. Trifft der Ton die Eigenfrequenz der Scheibe, beginnt das Glas zunächst zu schwingen, um schliesslich zu zerbersten.
Michael Sailstorfer untersucht in seiner Arbeit den Skulpturbegriff und dehnt ihn im wahrsten Sinne des Wortes bis an seine Grenzen und darüber hinaus aus. Der hörbare, physisch spürbare, aber nicht sichtbare Ton erfüllt den Raum und wird schliesslich in seiner Wirkung beim Zerspringen der Scheibe sichtbar. Er wird zur Sound-Skulptur, die nicht statisch ist, sondern sich ausdehnt, den Raum definiert und mit allen Sinnen erlebbar ist.
Mit freundlicher Unterstützung: Bezirkskulturfond Bezirksamt Mitte von Berlin und der Kulturverwaltung des Berliner Senats, Referat Stipendien und Projektförderung.
Informationen zu Michael Sailstorfer: www.sailstorfer.com
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Kurt-Kurt Teil 6:
Display Exchange Moabits²
Siri Austeen und Stefan Schröder
Ausstellung: 15. Mai - 31. Mai 2008

Display Exchange Moabits²
Von Moabit ins Gefängnis oder in die weite Welt! Vielschichtige Kunstinstallation von Siri Austeen (N) und Stefan Schröder (D) für das Projekt Kurt-Kurt in Moabit

Wolfgang Borchert im Gefängnis in Moabit, türkische Gemüsehändler, eine Binnenschifferkirche, der Schiffahrts-Chor Berlin und die Insel Moabit. Scheinbar Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Das norwegisch-deutsche Künstlerteam Siri Austeen und Stefan Schröder aus Oslo bringen all das mit ihrem Projekt Display Exchange Moabits2 in einen Zusammenhang, in ein Zusammenspiel.
Wolfgang Borchert saß unter dem Naziregime 1943-45 im Zellengefängnis in Moabit. Gefangen in einer kleinen Zelle, nur ein winziges Fenster unerreichbar hoch oben bildete eine Öffnung zur Welt. Durch dieses Fenster hörte Borchert 800 mal am Tag die Ansage der Stationssprecherin vom gegenüberliegenden Bahnhof: Lehrter Bahnhof. Für ihn der Grund, seine Gedanken hinausschweifen zu lassen und sich diese Dame zu imaginieren; beschrieben von ihm in „Unser kleiner Mozart“ 1947. Bei Siri Austeen und Stefan Schröder erschallen nun in Bezug auf Borchert alle Moabiter Straßennamen, ausgerufen von türkischen Gemüsehändlern aus Moabit. Laut und vernehmlich klingen sie aus vor der Kurt-Kurt Projektzentrale aufgebauten Gemüse- und Obstkisten. Währenddessen ist im hinteren Ausstellungsraum eine beklemmende Zellenarchitektur eingerichtet, die das Eingeschlossensein Borcherts erlebbar macht.
Die Beschäftigung mit physischem Eingesperrtsein auf engem Raum auf der einen und der grenzenlosen Weite auf der anderen Seite setzt sich fort in der Installation im vorderen Showroom von Kurt-Kurt: Die Wasserstraßen rund um Moabit werden von Austeen/Schröder modellhaft nachgebaut. Die Spree fließt durch den Ausstellungsraum, der Westhafen, Berlins Wasser-Tor zur Welt (von hier könnte man bis Norwegen segeln) ist zu erkennen und ein kleines Boot dreht seine Runden. Von Bord erschallt der Schiffahrts-Chor Berlin mit dem skandinavischen Lied: Wer kann segeln ohne Wind.
An den Wänden sehen wir die Originaldisplays der Schifferkirche im Westhafen, die im Austausch dafür neue, extra von den Künstlern angefertigte Schaukästen für die Außenfassade bekommen hat. Und wer an der Kirche im Westhafen vorbeispaziert, vernimmt plötzlich einen seltsamen Gesang aus anderen Sphären, das Kirchenfenster selbst scheint zu klingen und Gesang von Moabit in die Welt hinaus zu senden.
Siri Austeen ist in Norwegen durch ihre sensibel komponierten und technisch beeindruckenden Sound-Installationen bekannt geworden. Stefan Schröder arbeitet seit Jahren vor allem an und mit präzisen Eingriffen im öffentlichen Raum. Für das Projekt Kurt-Kurt arbeiten die beiden Künstler zum ersten Mal zusammen und realisieren die vielschichtig verwobene Installation Display Exchange Moabits2.
Weitere Informationen zu den Künstler finden Sie unter: www.austeen.no und www.schroederstefan.com
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Kurt-Kurt Teil 7:
DAGMAR brennt (nicht)
eine Installation von Pfelder
Ausstellung: 26. Juni - 29. Juni 2008 zu den Moabiter Kulturtagen

Licht-Text Installation im Schaufenster der Kurt-Kurt Projektzentrale Das Kunstprojekt Kurt-Kurt präsentiert zu den Moabiter Kulturtagen die Installation �?DAGMAR brennt (nicht)�? von Pfelder. Brennt sie nun oder brennt sie nicht? Eine spielerische Licht- und Textinstallation erleuchtet den Showroom von Kurt-Kurt. Am besten zu erleben am Abend in der Dämmerung. 96 Stunden nonstop.

Mit freundlicher Unterstützung: Bezirkskulturfond Bezirksamt Mitte von Berlin.
Informationen zu Pfelder: www.pfelder.de
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Kurt-Kurt Teil 8:
28,33 m3
ein Projekt von Christian Hasucha
und
VIDEO PORTRAITS
ein Projekt von Maria Linares
Ausstellung: 11. - 27. September 2008

Mehr Raum für Moabit:
28,33 m3 von Christian Hasucha
Wo hört der private Raum auf? Wo fängt der öffentliche an? Diesen Fragen stellte sich Christian Hasucha in seiner jüngsten „öffentlichen Intervention“, bei der er private Bebauung in Moabit in öffentlichen Raum umwandelt. Für die Projektgalerie Kurt-Kurt hat er deren Räumlichkeiten an der Lübeckerstraße 13 in Berlin Moabit zu 28,33 m3 öffentlich nutzbarem Volumen umgebaut.it von einem Rechtsanwalt prüfen.
Der Künstler ließ die Glasfront der Kurt-Kurt Projektzentrale entfernen, betonierte einen neuen Treppenzugang, kleidete die nun offen stehenden Galeriewände mit Trockenputz aus und setzte die Straßenpflasterung auf dem Galerieboden fort. Der sonst hell beleuchtete Galerieraum wurde dadurch zum dunklen Außenraumfortsatz umgewandelt, der nun Tag und Nacht über die vier schlichten Betonstufen direkt von der Strasse betreten werden konnte. Die Nutzung dieses öffentlichen Zusatzraumes war freigestellt.
Mit den verschiedenen Elementen der städtischen Bebauung hat sich der Berliner Bildhauer Christian Hasucha in seinen „öffentlichen Interventionen“ immer wieder beschäftigt. Diesmal bekommt der Begriff öffentliche Skulptur durch seinen Raum-Schnitt und die Einstülpung der Öffentlichkeit in ein privates Gebäude eine völlig neue Bedeutung, die allerdings nicht von jedem bemerkt wurde. Als eine stark alkoholisierte junge Frau Zuflucht für die Nacht im dunklen, aber witterungsgeschützten Tunnel suchte, wurde sie von der von Anwohnern alarmierten Feuerwehr umgehend in eine Klinik gebracht – den Feuerwehrleuten indes fiel der architektonische Eingriff selbst nicht auf. Zum Ende der Ausstellung konnte Hasucha die Früchte seines Raum- und Aussenwandangebots ernten: Graffiti der Moabiter Hustlers, die direkt auf die abnehmbaren Trockenputzplatten gesprüht waren.
Informationen zu seiner Arbeit finden Sie unter: www.hasucha.de
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Mehr Raum für Moabiter:
VIDEO PORTRAITS von María Linares
Die Moabiterinnen und Moabiter sind ein durchmischtes Volk. Mehr als 30% der Bevölkerung in diesem Stadtteil sind nicht deutscher Herkunft. Diese Durchmischung an Ethnien und Nationalitäten fiel der kolumbianischen Künstlerin María Linares auf. Die Künstlerin beschäftigt sich selbst mit der Möglichkeit ihrer Einbürgerung nach Deutschland und geht deshalb auch in ihrer künstlerischen Arbeit den Themen Nationalität und Identität nach. María Linares Projekt VIDEO PORTRAITS stellt das Resultat eines prozesshaften Dialogs mit Moabiterinnen und Moabitern verschiedener Nationalitäten dar. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzung steht das negative Vorurteil. In einer Befragung auf den Straßen Moabits wurden die jeweils negativsten Vorurteile und Klischees gegenüber anderen Nationalitäten herausgefiltert. Auf dieser Basis wurden Scripts und Rollen für Darsteller entwickelt. Bei einem öffentlichen Casting wurden 18 Moabiterinnen und Moabiter unterschiedlicher Nationalität gefunden, die bereit waren, diese Rollen zu übernehmen und in ihrer Muttersprache vor der Kamera zu spielen. Die entstandenen VIDEO PORTRAITS werden in der Kurt-Kurt Projektzentrale als 3-Kanal-Videoinstallation präsentiert. Die irritierend krassen Aussagen der Darsteller über ihre eigene Nationalität provozieren zunächst Ablehnung beim Betrachter, führen dann aber zum Überdenken der jeweils eigenen Vor-Urteile über die „Anderen“. Die Gratwanderung zwischen Identifikation und Distanzierung funktioniert sowohl für die Schauspieler wie auch für das Publikum. María Linares hat zahlreiche partizipatorische Projekte im öffentlichen Raum durchgeführt, individuell sowie auch im Rahmen des Künstlerkollektives »daily services«. Weitere Informationen zu ihrer Arbeit finden Sie unter: www.marialinares.com

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Kurt-Kurt Teil 9:
Der Paechbrotbaum
ein Projekt von Haus am Gern (Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner)
Ausstellung: 19.Oktober - 09. November 2008
Der Paechbrotbaum von Haus am Gern (Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner)
Der Herbst ist da. Die Bäume verlieren ihre Blätter und ziehen ihre Schuhe an. Jedenfalls in Moabit. Hier, an der Ecke Birken-/Stephanstrasse, gleich am Rande der Paech-Brot-Brache, steht ein toter Baum. In seinem blätterlosen Schatten steht der Paech-Brunnen und keine 10 Meter weiter verkündet ein grosses Schild den Baubeginn eines Einkauf-Centers für 2008. An diesem toten Baum liesse sich - mit ein bisschen Verstand - hervorragend die verwinkelte Geschichte des Stephankiez' und der Paech-Brotfabrik, der Investoren und Besetzer, der Anwohner und Politiker etc. aufhängen, doch genau dies tun die Künstler von Haus am Gern nicht. Stattdessen hängen sie hunderte Paar Schuhe in den Baum - und laden alle Anwohner und Einwohner Moabits ein, in der Kurt-Kurt-Projektzentrale an der Lübecker Strasse 13 gebrauchte Schuhe zu behändigen und sie in den Baum zu werfen. Das verändert zwar die Situation in Bezug auf die Brache, den Kiez oder das geplante E-Center nicht, schafft aber ein einen bildhaften, künstlerischen Kommentar in der grauen Stadtlandschaft. So wird vielleicht ein toter Baum unter dem Namen «D er Paechbrotbaum» in die Berliner Stadtgeschichte eingehen. Die mit Hunderten von Schuhen behangenen «Shoe Trees» sind vor allem in Nordamerika, Australien und Neuseeland bekannt, vereinzelte Exemplare werden aber auch aus England, Frankreich und Nordeuropa gemeldet. In Deutschland gibt es nur einen einzigen dokumentierten Baum an der Mosel. Über die Entstehung der «Shoe Trees» gibt es nur Spekulationen, doch dürfte es einen engen Zusammenhang mit dem so genannten «shoe tossing» oder «shoe flinging» geben, bei dem Schuhe mit zusammengebundenen Schnürsenkeln über Telefon- oder Stromdrähte geworfen werden. Aber auch über den Grund dieses «shoe tossing» wird gerätselt. So kann ein am Draht hängendes Schuhpaar folgendes bedeuten:
1. hier ist ein Ort, wo Dealer ihre Ware anbieten
2. hier wurde ein Mitglied einer Gang umgebracht
3. hier ist die Grenze des Gang-Territoriums
4. Ritual von Schülern nach bestandener Abitur
5. ein junger Mann verkündet seine «Entjungferung»
6. ein Abschiedsritual von Soldaten, die versetzt werden oder den Dienst quittieren
7. ein Nachtbuben-Streich an schlafenden Alkoholikern
8. einfache Entsorgung alter Schuhe
9. Die wohl schlüssigste Erklärung ist, dass - wenn einmal ein Schuhpaar oder zwei in den Ästen hängen - sich über kurz oder lang Nachahmer finden, die ihre alten Schuhe hochwerfen.
10. Kunst, ganz einfach!
Das Künstlerpaar Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta aus Biel, Schweiz, arbeitet unter dem Label «Haus am Gern».
Informationen hierzu finden Sie unter www.hausamgern.ch
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Kurt-Kurt Teil 10:
"ausglühen"
eine lichte Installation von Pfelder
Ausstellung: 31. Dezember 2008 - 10. Januar 2009

Kurt-Kurt bringt Licht in die dunkle Jahreszeit Ausglühen, eine Hommage von Pfelder an die langsam verglühende Zeit der Glühbirne Ab 31.12.09 leuchtet in der Kurt-Kurt Projektzentrale rund um die Uhr bis zum 10. Januar 2009 eine 25 Watt Glühbirne. Zum Ausglühen des Jahres 2008 und zum Einglühen von 2009 wird der Star eines untergehenden Zeitalters in unterschiedlichen Zeitintervallen angestrahlt von sechs 500 Watt-Baustrahlern. Verlöschen diese, beleuchtet wiederum die Glühbirne einsam die sie anhimmelnde Strahlerschar. Diese energietechnisch ineffiziente und absurde Installation ist Pfelders Gruß an das Erstrahlen und Verglühen. Und welche Zeit könnte hierfür besser geeignet sein, als der Jahreswechsel. Ein glühendes Neues Jahr!
Informationen zu Pfelder finden Sie auch unter www.pfelder.de
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Kurt-Kurt Teil 11:
Terre de Moab, ein Projekt von Ariane Epars
und
Flüsterbogen, ein Projekt von Salah Saouli
Ausstellung: 28. Mai - 13. Juni 2009Logo von Prohelvetica


„dazwischen ist oft niemandsland“ in diesem Satz von Ariane Epars auf der Fensterfront von Kurt-Kurt spiegelt sich viel Moabiter Geschichte und Befindlichkeit. Betritt man den Raum, befindet man sich zuerst einmal im Dazwischen, bevor man an der Weggabelung ankommt, wo sich die beiden künstlerischen Statements treffen und das Niemandsland verlassen wird. Entweder in Richtung Hinterhof zur Arbeit Terre de Moab von Ariane Epars oder in den schwarzen Tunnel mit der Soundinstallation Flüsterbogen von Salah Saouli.

Terre de Moab
eine Bodenarbeit von Ariane Epars (CH)
856 kleine Sonnen erstrahlen im tristen Hinterhof des Geburtshauses von Kurt Tucholsky

Die Schweizer Künstlerin Ariane Epars setzt mit ihrer Arbeit an unscheinbaren Orten eindrückliche Akzente. An der Biennale in Sidney kratzte sie kaum merkbar kleine Spalten in den Boden des Hafenkontors, so dass plötzlich das Meer unter den eigenen Füssen sichtbar wurde. Hier in Moabit beschäftigt sie sich mit der Historie und den Anfängen dieser Stadtinsel. König Friedrich Wilhelm I hat hier französische Hugenotten, die wegen ihres Glaubens aus ihrem Land fliehen mussten, angesiedelt und ihnen einen Deal angeboten: Land und Besitz gegen Urbarmachung Moabits und Kultivierung mit Maulbeerbäumen. Ziel war es, Seidenraupen zu züchten, um edle Seide herzustellen. Ein königlicher Traum, der im ungeeigneten Berliner Klima und im märkischen Sand nie Wahrheit wurde. Ausgehend vom Wort Moabit, seiner Bedeutung und der Entwicklung dieser städtischen Insel hat sich die Künstlerin mit der Frage des Sich-Niederlassens, des Sich Zuhause Fühlens und des Sich-Verwurzelns auseinandergesetzt. Auch heute oder gerade heute stellen sich diese Fragen in Moabit. Ariane Epars „Bodenarbeit“ spielt ganz direkt auf dieses omnipräsente menschliche Bedürfnis an, sich zu verwurzeln und ein noch so kleines Stück Land/Erde, sei es im Schrebergarten, Hinterhof oder auf dem Balkon, zu bepflanzen. Im Hinterhof der Projektzentrale von Kurt-Kurt an der baumlosen Lübecker Straße fand sie die Tristesse pur. Keine Sonne, keine Farbe außer einer verkümmerten Liliput-Tanne und den Mülltonnen. Nur graubrauner Boden. Diesen Unort, der stellvertretend für viele Hinterhöfe steht, verwandelt Ariane Epars nun mit 856 Sonnen, das heißt mit 856 knallig orangen Tagetes Apollo, in ein Lichtfeld. Für kurze Zeit rollt sie im Hinterhof einen Blumenteppich aus. Sonnenstrahlen ähnlich ziehen sich die leuchtenden Linien durch das Grau zwischen den Häuserfassaden und verbildlichen die Mischung aus Fremdsein, Fuß fassen, Wurzeln schlagen, sich Einrichten und sich Ausrichten auf dem Moabiter Boden.
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Flüsterbogen
eine Soundinstallation von Salah Saouli (LIB/D)

Unerhörte Stimmen berichten über Zeiten und Orte, die im Dunkeln liegen
Begibt man sich in den schwarzen Tunnel von Salah Saouli, trifft man auf Stimmen von Menschen unterschiedlichster Generationen, die aus dem Leben und dem Alltag in Moabit erzählen. Salah Saouli gibt den verborgenen Erfahrungen, Erlebnissen und Erinnerungen eine Stimme und holt sie aus der Vergessenheit in den Fokus seiner Soundinstallation. Die kleinen und großen Geschichten zu und aus Moabit bleiben normalerweise unerhört. Ohne Licht und visuelle Wahrnehmung müssen die Besucher dem Tast- und Hörsinn vertrauen und können sich auf die geflüsterten Geschichten konzentrieren: Erzählungen über einen Ort, der voller Widersprüche ist. Bilder einer Oase der Toleranz, eines multikulturellen Patchworks und einer entspannten Lebensweise im Herzen Berlins gehören ebenso zu Moabit wie Kriegszerstörung, soziale Brennpunkte und bewusst oder unbewusst übersehene Drogenprobleme. Beim Zuhören der geflüsterten Erzählungen generiert jeder Besucher seine eigenen Bilder und sein eigenes Moabit, das er anschließend mit der Realität auf dem Weg nach Hause abgleichen kann.
Informationen zu seiner Arbeit finden Sie unter: www.salahsaouli.net
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Kurt-Kurt Teil 12:
Sewing Poetry
ein Projekt von Simone Zaugg
Ausstellung: 26. Juni - 28. Juni 2009

Lassen sie sich verführen von poetischen Kleidern und wortreichen Accessoirs!
Kurt-Kurt wird während der Moabiter Kulturtage zur Bühne für eine Intervention zwischen Kunst und Mode, Poesie und Funktion, Bild und Schrift, Laufsteg und Nähatelier. Simone Zaugg präsentiert unter dem Label A.WAY Kleidobjekte (Unikate), die mit Poesie aufgeladen sind. Ihr Projekt „Sewing Poetry“ nimmt den ironisch-kritischen Faden der literarischen Vergangenheit im Geburtshaus von Tucholsky auf und übersetzt das aktuelle Lebensgefühl in Moabit in experimentelle Mode für den Sommer 2009. Die vernähten und applizierten Sätze haben sich während des Arbeitsprozesses zu einem Dialog zwischen Kurt Tucholsky und Simone Zaugg entwickelt. S.Z.: Mit Zitaten spielen.
K.T.: Sprechen / Schweigen / Schreiben.
S.Z.: Lass die Augen aus dem Spiel und die Worte fallen.
K.T.: Lachen lernen ohne zu weinen.
S.Z.: Du warst rotzig schön. Am Morgen vor der Galaxie.
K.T.: Im Grünen fing es an und endete blutigrot.
S.Z.: Gegen kurze Szenen helfen lange Schnitte.
Etc.
In den beliebigen Kombinationen der Kleidungsstücke entstehen immer neue Konversationen.
High and Low oder E und U: Ebenso wie von Tucholsky, der am Puls der Zeit arbeitete, ist „Sewing Poetry“ von dem Gedanken der POP Art beeinflusst. Ernsthafte, lyrische Sätze verwandeln Kleidungsstücke in unterhaltsame Mode auf hohem Niveau. Die Preise jedoch bleiben auf dem Boden. Jede Hose, Bluse, Rock, Hemd, Kleid ist ein Unikat und käuflich. Während der Moabiter Kulturtage ist das Nähatelier jeweils von 14 bis 19 Uhr geöffnet und das Publikum kann zuschauen wie Mode und Poesie unter der Nähmaschine von Simone Zaugg zu Kunst verschmelzen. Zur Eröffnung am 25. Juni 2009 um 21 Uhr präsentiert Simone Zaugg ihre poetische Kleiderkunst als Fashion Performance und inszeniert die Wortspielereien auf dem Laufsteg.

Simone Zaugg (*1968 in Bern) lebt in Berlin und Bern. Sie pendelt mit ihrer multimedialen Arbeit zwischen Kunst und Alltag, zwischen Peripherie und Zentrum, aber auch zwischen Installationen, Medieninterventionen und Bildern.














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Kurt-Kurt Teil 13:
Gefängnisinsel Moabit
ein Projekt von Dellbrügge & de Moll
Ausstellung: 28. September - 3. Oktober 2009

Gefängnisinsel Moabit
Das Künstlerduo Dellbrügge & de Moll entwirft ein Szenario für Moabit

Sitzt einer in Moabit, ist klar: der ist im Knast. Kein anderes Bauwerk, keine Institution, dominiert den Stadtteil stärker und funktioniert selbstverständlicher als pars pro toto, als das größte Kriminalgericht Europas und die Justizvollzugsanstalt, Untersuchungshaftanstalt für männliche Erwachsene im Land Berlin. Insassen klagen über chronische Überbelegung, Schmutz, Vernachlässigung, Mischung von U-Häftlingen und Strafern und 23 Stunden Einschluss.

Ungewöhnlich ist die zentrale Innenstadtlage des Gefängnisses. Fährt man nach einem Ausstellungsbesuch im Hamburger Bahnhof zum Feinkosthändler Lindenberg in die Morsestraße, tangiert man Mauern, Wachtürme und Stacheldraht ebenso, wie auf dem Weg vom Schloss Bellevue zum Berliner Hauptbahnhof. Der Sitz des Bundespräsidenten liegt vor der Tür, das Kanzleramt fast in Sichtweite und der schlangenförmige Wohnbau der Regierungsbeamten bereits diesseits der Bezirksgrenze.

Das einst dicht besiedelte Arbeiterviertel hat heute eine Arbeitslosenquote von 13,83%, zählt 33,12% Empfänger von Transfereinkommen, 61% der Schüler sind von Lernmittelzuzahlung befreit. Weicht man von den üblichen Transitrouten durchs Quartier ab, verblüfft die Fülle an leerstehenden Läden und Lokalen. Gleichzeitig entdecken einzelne Künstler und Gentrifizierer vergleichsweise billigen Raum hinter Gründerzeitfassaden. Moabits Brachflächen am Humboldthafen hinter dem Hauptbahnhof gelten als heißes Entwicklungsgebiet. Der Baustart für das Quartier Heidestraße ist für 2010 geplant – wenn sich denn Bauherren finden. Die Verwirklichung der ambitionierten Pläne hängt ganz und gar davon ab, ob sich internationale Investoren von Moabits Potenzial anziehen lassen.

Falls nicht, muss ein Plan B her. „Gefängnisinsel Moabit“ ist so ein Plan. Stimuliert durch die soziale und städtebauliche Situation sowie die allseits begrenzenden Wasserwege, die Moabit als innerstädtische Insel isolieren, stellen Dellbrügge & de Moll eine Referenz zu John Carpenters „Escape from New York“ (1981) her:

„2020 steigt die Kriminalitätsrate in der EU um 400 Prozent. Der Berliner Stadtteil Moabit wird zum Hochsicherheitsgefängnis der gesamten Union. Eine 15 m hohe Sicherheitsmauer wird entlang des Spreeufers, am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafenkanal und am Charlottenburger Verbindungskanal errichtet. Sie umschließt ganz Moabit. Brücken und Wasserwege sind vermient. Truppen von Europol sind wie eine Armee um die Insel postiert. Auf der Gefängnisinsel gibt es keine Wärter, nur Gefangene und die Welten, die sie schufen. Die Regeln sind einfach: Bist du mal drin, kommst du nicht wieder raus.“ (Dellbrügge & de Moll, Heimkino 2, Video, 15 min, 2009)

Das Modell der Gefängnisinsel, dessen geografische Gegebenheiten eine Flucht verhindern, ist effektiv und populär – Wikipedia listet 34 Gefängnisinseln weltweit – von St. Helena mit ihrem prominenten Gefangenen Napoleon, bis Robben Island, wo Nelson Mandela den Großteil seiner Haft absaß, von den Inseln der Kolonie Französisch-Guayana, Schauplatz von Henri Charrieres Roman „Papillon“, über das Gefängnis Château d’If auf der Festungsinsel vor Marseille, die Alexandre Dumas als literarische Folie diente, bis zum berüchtigten Alcatraz, dessen Brutalität zahlreiche Filme inspirierte. Das norwegische Bastøy, eine liberale Interpretation der Sache, organisiert die Gefängnisinsel als Labor in Sachen Selbstverantwortung.

Wie und wo auch immer – die territoriale Abgeschlossenheit generiert Soziotope mit eigenen Regeln, Hierarchien, Währungen und Überlebensstrategien. Sah Foucault das Gefängnis als Heterotopie, als „anderen Ort“, der die bestehende Ordnung invertiert und in Frage stellt, so potenziert der Spezialfall der Gefängnisinsel diese Verhältnisse noch. Die Vision der wachsenden Stadt bleibt angesichts der Krise in den Finanzierungslücken stecken. Was wächst, ist die Paranoia, die Dystopien wieder auf den Plan ruft.

Weitere Informationen zu den kontextbezogenen und medienübergreifenden Arbeiten und Interventionen von Dellbrügge & de Moll finden sie unter www.workworkwork.de






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Kurt-Kurt Teil 14:
In geuren en kleuren
Eine Geschichte, die von den kleinen Besonderheiten erzählt

mit den Projekten Freibad von Bertine Bosch (NL)
und Farben von Moabit von Bert Meinen (NL)
Ausstellung: 22. Oktober - 7. November 2009

In geuren en kleuren
Eine holländisch-expressionistische Sicht auf Moabit mit Freibad-Feeling im Kurt-Kurt

Farben von Moabit

Auf seinen Wegen durch Moabit hat der holländische Künstler Bert Meinen überalll dort, wo er ein für ihn spezifisches Moabitgefühl wahrnahm, ein Foto geschossen und eine Markierung in Form eines kleinen Betonkreuzes gesetzt. Seine so gewonnenen poetisch unscharf flüchtigen Eindrücke Moabits projeziert er in der Kurt-Kurt Projektzentrale in einem schnellen Rhythmus auf einen Videoscreen, so dass der Betrachter die Moabiter Stadtlandschaft durch die Augen des Künstlers erleben kann. Obschon man den öffentlichen Raum Moabits ausschließlich als verschwommene Formen und Farben sieht, vermitteln diese Bilder ein Gefühl von Vertrautheit und Identifikation mit den immer wieder unbewusst im Alltag wahrgenommenen Orten. Begibt sich der Betrachter anschließend in die Straßen von Moabit, fokussiert er auf der Suche nach den Bildausschnitten die Wirklichkeit aus einer neuen Perspektive und erfährt die Stadt plötzlich in noch nicht gesehenen Bildern, Farben und Formen. Was zuerst als Abdruck auf der Netzhaut von Bert Meinen haften blieb, hinterlässt so bleibende Eindrücke beim Betrachter und führt den Besucher an sonst kaum wahrgenommene, aber besondere Orte in Moabit, die er anhand der kleinen Betonkreuze identifizieren kann.

Freibad
Bei ihren Recherchen in Moabit traf Bertine Bosch auf das ehemalige Freibad an der Seydlitzstraße, das nun mit Sand gefüllt ist und zur Tentstation, einem Zeltplatz mitten im Zentrum Berlins ein paar hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt, umgewandelt wurde. Die Künstlerin dokumentiert seit über zehn Jahren verlassene Freibäder. Während dieser Zeit beschäftigte sie sich auch mit der Frage warum diese urbanen Erholungsräume keine Berechtigung/Akzeptanz mehr haben. Ihre Untersuchungen konfrontierten sie mit verschiedensten Problemen: nicht genug Einnahmen, verarmte Gemeinden, zu wenig Besucher, zu wenig sonniges Badewetter, etc. Leider gibt es in den seltensten Fällen eine sinnvolle Um- und Neunutzung dieser Orte. Deshalb war Bertine Bosch umso mehr beeindruckt von der Moabiter Freibad-Geschichte. Seit das Freibad vor vier Jahren geschlossen wurde, wird es als Campingplatz genutzt. Alle Elemente des Freibades sind erhalten geblieben. Einigen von ihnen führte man einer neuen Funktion zu, z.B. indem man Sand in das Schwimmbecken füllte und zum Volleyballspielen nutzt. Aber auch hier stehen Investoren in den Startlöchern, um mit dem Bau eines Wellnesscenters beginnen zu können. Bevor es so weit ist, nimmt Bertine Bosch diesen im Zwischenzustand schwebenden Ort und nutzt ihn als Projektionsfläche für Bilder vergangener Freibadzeiten und fiktiver Badeanstalten. Sie schafft in den Projekträumen von Kurt-Kurt eine Situation, die den Besucher mit Gerüchen, Anspielungen und kleinen Eingriffen atmosphärisch in das Erlebnis eines Freibades im urbanen Gefüge einer Großstadt wie Berlin eintauchen läßt.
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